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8.Januar 2017
 
-Lesezeit ca. 5 Minuten-
   
   

"Die Sache mit Photoshop"



Nicht selten wird man als Naturfotograf mit bestimmten Fragen oder Bemerkungen konfrontiert, die in etwa in folgendem Zitat münden: „Hey die Bilder sind ja cool, aber die sind schon bearbeitet, oder? Die sind so schön bunt. Photoshop, ne?"Dann heißt es erstmal tieeef durchatmen…aber woher soll der Laie es auch wissen – daher möchte  ich heute die Dinge ein wenig erklären:

Man könnte (Natur-)Fotografen in Sachen der Bildbearbeitung pauschal in zwei Gruppen unterteilen: Diejenigen, die das Thema Bildbearbeitung eher locker nehmen oder sich als Künstler, Visual Artist oder Grafiker verstehen. Für sie zählt das Endergebnis und das Hinzufügen, Entfernen oder die Veränderungen von Bildelementen sind erlaubt. Da wird hier etwas Unerwünschtes weg „gestempelt“ oder dort der Himmel selektiv eingefärbt und an anderer Stelle dunkle Bereiche partiell aufgehellt usw. Innerhalb dieser Gruppe gibt es aber auch große Unterschiede. Von der kleinen Retusche bis hin zur Kreativstudio-Bearbeitung ist alles vertreten.

Dann gibt es die zweite Gruppe von Fotografen, die nicht derart in die Bildatei eingreifen. Aus den verschiedensten Gründen - zum Beispiel, weil sie ab und zu an internationalen Naturfoto-Wettbewerben teilnehmen möchten, bei denen eine auf Authentizität ausgelegte Bearbeitung gefordert und streng geregelt ist. Solche Bilder werden auch anhand der Raw-Dateien kontrolliert, bei jedem einzelnen Bild, das es bis in die finalen Runden schafft. "Bearbeiten müssen aber auch diese Fotografen das Bild, im Sinne einer Entwicklung, ähnlich wie man das früher mit einem Negativfilm machen musste. Insofern macht die Standard-Frage "Sind die bearbeitet?" eigentlich wenig Sinn. Wenn Sie nicht bearbeitet wären, wären Sie noch ein (digitales) Negativ.

Ich gehöre übrigens zur letzten Gruppe, wobei ich ganz klar anmerken möchte, dass die „Gruppe 1“ genauso zu respektieren ist – unter ihnen sind ebenso viele gute und ernsthafte Fotografen, sie setzen sich in der Bildbearbeitung nur weniger Restriktionen aus. Zum einen sehe ich meine Stärke jedoch nicht in der Bildbearbeitung und arbeite nie mit Photoshop. Zum anderen kommt bei mir dieses mulmige Gefühl auf, wenn ich es nicht geschafft habe zum Beispiel bestimmte Bildelemente vor Ort zu vermeiden und das später per Mauszeiger erledige. Daher fühle ich mich in „Gruppe 2" wohler.

Übrigens, auch Farbfilter werden nicht benutzt. Ich nutze Filter, die lediglich die Belichtungszeit verlängern („Graufilter“), den Himmel abdunkeln können („Grauverlaufsfilter“) oder Reflektionen reduzieren („Polarisationsfilter“). Alle diese Filter sind neutral grau, sodass die Farbwiedergabe nicht verfälscht wird. Daher ihr Name: „Neutral Density Filter“ (Neutraldichtefilter). Das sind übrigens keine Software-Filter wie sie mein Smartphone für Selfies anbietet, sondern physische Filter, Glasscheiben, die während der Aufnahme vor das Objektiv gesetzt werden.

Warum muss ich nun tief durchatmen, wenn ich die Frage nach Photoshop beantworten muss? Weil man, und das gilt auch für viele ambitionierte Fotografen der ersten Gruppe, unheimlich viel, stellenweise EXTREM VIEL Aufwand und Akribie investieren muss, um überhaupt regelmäßig farbintensive Momente einzufangen.

Ich möchte im Folgenden einen Blick hinter die Kulissen werfen und erläutern, warum die meisten Menschen sich zum Beispiel über rosarote Sonnenaufgänge, leuchtende Eisberge, malerisches Wasser oder gelbe Hintergründe wundern...

 


Farbintensität: der Schein trügt

Die meisten Tablets, Monitore, LED-Fernseher etc., auf denen sich Menschen Bilder anschauen, sind nicht „kalibriert“. Zu 99% sieht man also nicht die „echten Farben“, sondern völlig übersättigte Farben und Kontraste. Nicht umsonst werden ebenfalls 90% aller Bilder, die der Normalo-Urlauber in den Druck gibt (z.B. für ein Fotobuch bei CEWE oder Ähnliches) nochmal bei den entsprechenden Anbietern „optimiert“ > stark bearbeitet.

Mindestens 50% der „Photoshop-Anfragen“ würden ohnehin schon wegfallen, wenn es in den Hauhalten Displays gebe, die die Farben darstellen, wie sie sind. Solche Monitore sind aber sehr teuer und i.d.R. haben nur Fotografen und Grafiker solche Geräte zu Hause stehen.


Farbexplosionen: dem Zufall auf die Sprünge helfen


Intensive Farben entstehen häufig in intensiven Situationen, die nicht alltäglich sind. Wenn hinter einem kräftig blau gefärbten Eisberg Photoshop vermutet wird, liegt das häufig daran, dass viele Menschen nur glauben, was sie selbst schon mal gesehen haben. Das gilt auch für Himmelsfärbungen bei Sonnenaufgängen und viele weitere Ereignisse in der Natur. Sie sind selten, doch man kann dem Zufall auf die Sprünge helfen.

 
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Nehmen mir beispielsweise einen schönen Mallorcaurlaub im Sommer: wer stellt da schon seinen Wecker auf 4.30 Uhr, um gegen 5.45 Uhr im Naturschutzgebiet „Albufeira" die wenigen -potenziell- farbintensiven Minuten bei Sonnenaufgang zu erleben? Naturfotografen tun dies. Und zwar in einem 14 tägigen Urlaub 14 Mal. Für den Abend gilt das Gleiche: um 21.00 Uhr steigt man nochmal ins Auto, um gegen 22.00 Uhr den Sonnenuntergang am „Cap Formentor" einzufangen. Das sind dann summa summarum 28 Sonnenauf- und Untergänge in zwei Wochen. Ungefähr 22x zeigt sich dann ein schöner, aber nicht gerade spektakulärer Himmel, so wie „man ihn kennt“. Diese Bilder bekommt man dann häufig gar nicht erst zu sehen. Und zwei Mal hat man Bedingungen, wo alles stimmt und der Himmel „nach Photoshop aussieht“. Diesen Aufwand gilt es bei den "bunten Bildchen" zu berücksichtigen.


Das menschliche Auge kann nicht zoomen


Bei Betrachtung der nachfolgenden Szenen meinen viele der Himmel sei fast einfarbig rosa/orange/rot, "das gibt es ja gar nicht, ein Himmel hätte doch einen Farbverlauf“. Stimmt, fast immer hat der Himmel einen bestimmten Farbverlauf, nur setzt das voraus, dass man auch den ganzen Himmel sieht, so wie es das menschliche Auge nur tun kann.

In der Fotografie kann ich aber auch Ausschnitte durch Telebrennweiten „heranzoomen“. Wenn ich das bei den vorliegenden Bildern tue, ist vom Farbverlauf nichts mehr zu sehen und ich habe einen fast einfarbigen intensiv gefärbten Hintergrund, ohne irgendwelche Himmelsfarben gefälscht zu haben.

 
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Belichtungszeit, die vierte Dimension


Dem menschlichen Auge fehlt nicht nur die Fähigkeit zu zoomen, sondern auch die Fähigkeit, die Dimension von Langzeitbelichtungen wahrzunehmen. Auch Filme können das nicht. Das ist ein Punkt, der mich an der Fotografie fasziniert und den ich als Stilmittel immer wieder einsetze, auch wenn das nicht jedermanns Geschmack ist.

In Bezug auf die nachfolgenden Bilder hört man zum Beispiel „das sieht ja aus wie gemalt, das ist bearbeitet, oder?“ Nein, ist es in keinster Weise. Es wurde nur länger belichtet, wobei sich für den malerischen Effekt nur bestimmte Belichtungszeiten eignen, die abhängig sind von der Fließgeschwindigkeit des Wassers. Solche Aufnahmen funktionieren ausschließlich mit Stativ, bzw. fotografiere ich auch ausschließlich mit Stativ.

 
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Das gleiche gilt übrigens auch für Fotos der Milchstraße – mit bloßem Auge kann man diese nicht in der Intensität erkennen. Bei einer 20 sekündigen Belichtung kommen aber auch die ganz schwach strahlenden Sterne zum Vorschein, ganz ohne Photoshop. Bei den leuchtenden Eisbergen meiner Islandserie greift der gleiche Effekt.

 
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Last but not least: selbst in Sachen Farben kann man durch eine lange Belichtung tolle Effekte hervorrufen. Bei den nachfolgenden Bildern etwa befanden sich die Motive vollständig im dunklen Schattenbereich, diesen kann man bei solch kleinen Motiven ja einfach durch den eigenen Körper erzeugen. Lediglich der Hintergrund ist von der Sonne angeleuchtet. Um das kleine Motiv im Bild nun auf „normale Helligkeit“ zu bringen, muss man außergewöhnlich lang belichten – dabei ändert bzw. erhellt sich automatisch auch die Farbe des Hintergrundes - aus einem dunklen grün wird ein ganz helles Pastell-grün und aus dunklen orange/braun-Tönen werden hell-orange, fast gelbe Töne. Diesen Effekt nutzt man bei vielen Makro-Aufnahmen von kleinen Motiven, um diese schönen Hintergrundfarben zu erzeugen. Auch hier, ganz ohne Photoshop, nur mit Licht und Schatten.

 
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Farben fangen bei der Planung an


Ein letzter Punkt, einen großen Aufwandstreiber, der die oben genannten Situationen/Wetterlagen und einhergehenden Farben begünstigt: fortgeschrittene Naturfotografen planen Urlaube extrem genau – hier am Beispiel der Landschaftsfotografie:

die genaue Jahreszeit der Reise ist vom Sonnenauf- und Untergangswinkel abhängig. Dazu nutzt man z.B. die App „The Photographers Ephemeris“, die auf einen in der Landkarte ausgewählten Punkt hin genau den Einfallswinkel der Morgen- bzw. der Abendsonne berechnen kann. Daraus kann man ableiten, ob dort überhaupt direktes Sonnenlicht ankommt und ob sich der Spot eher morgens oder abends eignet. Für starke Farben und intensives Licht müssen die Sonnenstrahlen möglichst barrierefrei auf das Motiv fallen können.

Außerdem muss man das Ganze dann noch mit den Gezeitenständen abgleichen, etwa auf www.tide-forecast.com. Wenn ich beispielsweise in Asturien Tidenpools bei Ebbe fotografieren will, nutzt es mir wenig, wenn während meines Reisezeitraums nur bei gruseligem Mittagslicht Ebbe herrscht.

 
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Und schließlich gilt es noch organisatorische/logistische Dinge zu berücksichtigen, wenn ich in den farbintensiven Momenten vor Ort sein möchte: Anfahrten, Heimfahrten und Wanderungen zum Spot geschehen zum Beispiel immer im Stockdunkeln, das setzt eine sehr genaue Vorbereitung sowie Wartung der Ausrüstung (Stirnlampen etc.) voraus. Und eine normale Hotel-Logistik kann man ohnehin vergessen – zu Frühstückszeiten wird fotografiert und zum Abendessen ebenfalls. Will man farbintensive Momente einfangen muss man beinahe den gesamten Urlaub darauf abstimmen.

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Fazit

Wer nun tapfer durchgehalten hat und den -definitiv nur in Teilen skizzierten- Aufwand für „bunte Bildchen“ nachvollzogen hat, der kann jetzt vielleicht verstehen, warum der ein oder andere Fotograf bei der Ursprungsfrage „Photoshop, ne?“ erstmal gaaaaaanz tief durchatmen muss…

ABER demnächst muss ich ja gar nicht mehr antworten, sondern verschicke einfach nur noch diesen Link ;-)

Mit besten Grüßen,
Thomas  

PS: wenn ihr mal Fragen zur Technik habt, könnt`ihr mich jederzeit gerne anschreiben.
(info@photozoo.de)